Wie Windeln zu Rohstoffen werden und die Sonnenblume uns ins Weltall bringt

Können Windeln mehr sein als nur Müll? Und was haben Pflanzenreste in Raumsonden zu suchen? Antworten auf diese ungewöhnlichen Fragen gaben Forschende der Hochschule Reutlingen beim jüngsten Vortragsabend der Reihe „Wissenschaft für Dich und mich“. Gemeinsam mit der Kreissparkasse Reutlingen lud die Hochschule am 21. Mai in die Räume der KSK am Reutlinger Marktplatz ein. Rund 160 Gäste nutzten die Gelegenheit, aktuelle Forschung verständlich und alltagsnah kennenzulernen.
Den Auftakt machte Prof. Dr. Anja Braun, die an der Fakultät NXT Nachhaltigkeit und Technologie zu Kreislaufwirtschaft forscht. In ihrem Vortrag zeigte sie, wie aus schwer recycelbaren Inkontinenzwindeln neue Rohstoffe gewonnen werden können. Inkontinenzprodukte sichern vielen Menschen Lebensqualität und Würde, verursachen jedoch enorme Mengen an Abfall: rund 200.000 Tonnen fallen jährlich allein in Deutschland an. Aufgrund des komplexen Materialmixes aus Vlies, Zellstoff, Kunststoff und Superabsorber gelten sie bislang als kaum recycelbar und werden überwiegend verbrannt.
Prof. Braun stellte ihren Forschungsansatz vor, bei dem die Hydrothermale Carbonisierung (HTC) zum Einsatz kommt. „Mit diesem Verfahren lassen sich die Hygieneprodukte in verschiedene Stoffe auftrennen, darunter Kunststoffagglomerate und Hydrokohle, die weiterverwendet werden können. So könnten aus den Problemabfällen wieder Rohstoffe gewonnen und Ressourcen nicht nur eingespart, sondern neu gedacht werden“, blickt die Professorin in die Zukunft ihres regionalen Innovationsansatzes.
Im Anschluss präsentierten Charlotte Braun und Prof. Dr. Volker Jehle von der TEXOVERSUM Fakultät Textil ihre Forschung zu nachhaltigen Faserwerkstoffen. Charlotte Braun, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin, erläuterte unterhaltsam, wie aus pflanzlichen oder tierischen Naturfasern Vliese entstehen. Das Verfahren ähnelt der Papierherstellung: Fasern werden mit Wasser vermischt, über ein Sieb entwässert und anschließend getrocknet. So entstehen textile Flächenmaterialien, die vielseitig eingesetzt werden können.
Die Forschungen reichen von Fasern aus Baumwolle, Hanf oder Schafswolle bis hin zu Materialien aus Recyclingströmen – sogar aus Bestandteilen des Windel-Recyclings. Aktuell arbeitet Charlotte Braun an verformbaren faserverstärkten Schäumen aus Schafswolle, die künftig als ressourcenschonende Dämmstoffe genutzt werden könnten. Ihr zentrales Anliegen: Fasern aus Nebenströmen und vermeintlichen Abfällen als wertvolle Ausgangsmaterialien zu verstehen. „Die Zukunft liegt nicht im Neuen, sondern im cleveren Nutzen des Bestehenden“, betonte sie.
Zum Abschluss erklärte Prof. Dr. Volker Jehle dem Publikum, warum textile Fasern selbst in der Luft- und Raumfahrt unverzichtbar sind – und wie uns dabei sogar die Sonnenblume „ins Weltall bringt“. Seit Jahrzehnten forscht Jehle an der Nassvliestechnologie und hat deren Entwicklung an der Hochschule Reutlingen maßgeblich geprägt. Anhand von Beispielen zeigte er, wie aus Pflanzenresten Hightech-Fasern für Verpackungen oder Werkstoffe entstehen. Für die Luft- und Raumfahrt verstärken textile Fasern keramische Bauteile, wodurch diese extremen mechanischen Belastungen und Temperaturen standhalten. Solche Faserverbundkeramiken kommen dann beispielsweise in Hitzeschutzschilden, Triebwerkskomponenten oder Bremsscheiben zum Einsatz.
Die Vorträge und die angeregte Diskussion zeigten einmal mehr, wie spannend und alltagsnah Forschung sein kann – ganz im Sinne der Veranstaltungsreihe „Wissenschaft für Dich und mich“, die aktuelle Forschungsthemen aus der Hochschule auf anschauliche und unterhaltsame Weise für die Öffentlichkeit zugänglich zu macht.
More news

Was hat die Weltwirtschaft mit uns zu tun?
Veranstaltung "Wissenschaft für dich und mich" gibt Einblicke in Forschung zu internationalen Märkten und Lieferketten
Read more
















