16.05.2023

Konferenz zur Zukunft der Lernfabriken

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Die Internationale Vereinigung der Lernfabriken (IALF) trifft sich zu ihrer jährlichen Konferenz an der ESB Business School, auf dem Campus der Hochschule Reutlingen. Prof. Dr. Vera Hummel zur neuen Präsidentin der IALF gewählt.

Für Vera Hummel ist die „13“ ab sofort eine Glückszahl. Vom 9. bis 11. Mai richteten die Professorin und ihre Kolleginnen und Kollegen des Werk150 der ESB Business School die 13. Konferenz der Internationalen Vereinigung der Lernfabriken (IALF) aus. Mehr als 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 24 Ländern trafen sich an der Hochschule Reutlingen und zeigten in über 100 Vorträgen, welche Rolle Lernfabriken heute in der Forschung und in der Ausbildung von Studierenden spielen – und in Zukunft spielen können.

„Lernfabriken wie das Werk150 der ESB in Reutlingen verlegen die Vorlesung in die Fabrik“, sagte Prof. Dr. Eberhard Abele, Gründer der Prozesslernfabrik an der TU Darmstadt in seinem Eröffnungsvortrag. „Dort können die Studierenden Fabrikprozesse riechen, hören und fühlen.“ Abele, Gründer der IALF, ist Mitglied der ersten Stunde – wie auch Vera Hummel. Gemeinsam haben sie mit weiteren acht Universitäten 2011 die Vereinigung gegründet. Am Ende seines historischen Rückblicks gab Abele bekannt, dass das Führungsgremium der IALF eine neue Präsidentin gewählt hat: Vera Hummel.

Seit 20 Jahren entwickelt Hummel Lernfabriken, zunächst in Stuttgart, später dann in Reutlingen. Universitäten waren damals meilenweit entfernt von der Praxis, Studierende, die sich mit Produktions- und Logistikprozessen befassten, wurden mit Theorie geflutet und erlebten beim Berufsstart einen regelrechten Praxisschock. Das sei heute anders, so Vera Hummel: Im Werk150 und in vielen Lernfabriken weltweit stehe die Praxis im Vordergrund – und der Spaß. „Eine Lernfabrik ist ideal für die Ausbildung und Motivation junger Menschen“, wirbt sie. „Für die ESB ist das Werk150 ein echter Mehrwert.“

Die Reutlinger Expertin für Smarte Fabriken wird die IALF für zunächst zwei Jahre leiten. Dabei möchte sie die erfolgreiche Arbeit ihres Vorgängers im Amt des IALF-Präsidenten, Prof. Christian Ramsauer von der Technischen Universität Graz, weiterführen, aber auch neue Akzente setzen. Zum Beispiel bei der Nachhaltigkeit. Lernfabriken sind hier Vorreiter, etwa beim Aufbau von geschlossenen Wertschöpfungskreisläufen. Dabei wird Nachhaltigkeit heute weit umfassender verstanden und meint neben der technischen und ökonomischen auch zunehmend die biologische Nachhaltigkeit.

Was das bedeutet, erläuterte Prof. Dr. Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart, in seinem Eröffnungsvortrag. Das IPA, das auch Partner im Werk150 der ESB ist, arbeitet bereits an der biologischen Transformation der Industrie. Nervenzellen auf Mikrochips für Sensoren, die Krankheiten erschnüffeln, oder Gemüsefarmen an Wänden von Hochhäusern sind nur zwei von unzähligen Beispielen. Wo früher allein die ökonomische Effizienz im Mittelpunkt stand, gehe es künftig vermehrt um den Nutzen für Menschen und Gesellschaft, so Bauernhansl. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz spielten dabei eine zunehmende Rolle. Studierende müssten sich früh mit diesen Themen auseinandersetzen und dafür seien diese Lernfabriken ein ideales Umfeld.

Ein weiterer Fokus für ihre Amtszeit ist für Vera Hummel die weitere Internationalisierung der IALF. Warum das nötig ist, zeigt ein Blick auf die Weltkarte, in der die 31 heute existierenden Lernfabriken eingezeichnet sind. Die meisten befinden sich in Industrieländern, wobei Asien stark aufholt. In Afrika dagegen gibt es nur einen Partner. Das wolle man ändern. Mit einem Leuchtturmprojekt plant die IALF die Verbreitung der Lernfabriken zur Unterstützung der Ausbildung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und damit als Beitrag zum Wohlstand in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Diese Ausbildung dürfte künftig noch attraktiver werden. Das Werk150 hat anlässlich der Konferenz eine neue Fertigungslinie präsentiert, bei der ein Tisch montiert wird, der als Schreibtisch oder als Werkbank dienen kann. Ausgerüstet mit Solarmodulen und Batterien ist er energieautark, zusammengeklappt aber dennoch mobil. Die Fertigungslinie bildet einen geschlossenen Wertschöpfungskreislauf ab. Der Tisch wird nicht nur montiert, auch das Auseinanderbauen und Wiederverwerten der Teile und Wertstoffe soll künftig dort nachvollzogen werden. Dazu wird das Werk150 durch die ESB Professorinnen und Professoren Anja Braun, Günter Bitsch, Dominik Lucke, Peter Ohlhausen, Daniel Palm und Vera Hummel zu einer „Zirkulären Fabrik“ weiterentwickelt.

Prof. Eberhard Abele ist voll des Lobes: „Damit katapultiert sich das Werk150 in die Spitzenliga der weltweiten Lernfabriken.“ Dafür brauche es neben wissenschaftlicher Exzellenz und Geld vor allem die richtigen Leute, die an einem Strang zögen. „Das ist im Werk150 perfekt erfüllt.“ In einer oft von Einzelgängern geprägten akademischen Kultur sei das keineswegs selbstverständlich.

Das gilt auch für das Miteinander der Lernfabriken. So haben die Einrichtungen in Reutlingen, Darmstadt und Bochum ihre Curricula aufeinander abgestimmt. Für maximalen Erkenntnisgewinn sprechen sich die Lernfabriken in der IALF bei ihren Forschungsprojekten ab. Sie bearbeiten nicht nur gemeinsam Zukunftsthemen, sie ergänzen sich vielmehr. So sind bei der nächsten, dann 14. Konferenz, weitere spannende Ergebnisse und Einblicke in die Forschung und die Lernpraxis zu erwarten. Diese findet vom 17. bis 19. April 2024 an der Universität Twente in den Niederlanden statt.

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