13.04.2018 | News

Vom Porzellanstuhl zur Designermode

Wie Stoffe des 19. Jahrhunderts noch heute Mode und Design beeinflussen – eine Trendschau im Studium Generale der Reutlinger Hochschulen

Die erste Weltausstellung im 19. Jahrhundert gab weitreichende Impulse für die Designausbildung, wie Kunsthistorikerin Prof. Dr. Birgitt Borkopp-Restle im Studium Generale erklärt hat. Foto: Hochschule Reutlingen/Seng

Von: Bettine Seng

Während Donnerstagabend Heidi Klums „Meedels“ in High Heels um die Wette staksten, waren im 19. Jahrhundert die Schnallenschuhe der Herren das modische „comme il faut“ gewesen. Auf der ersten Weltausstellung 1851 in London prägten sie das Bild der Besuchermassen, die in den eigens erbauten „Crystal Palace“ drängten, um sich Produkte aus aller Welt anzuschauen. Die Berner Kunsthistorikerin Prof. Dr. Birgitt Borkopp-Restle zeigte im Studium Generale, wie diese Weltausstellung den Impuls für eine Designausbildung setzte und damit bis heute Mode und Dekors inspiriert.

Ein gigantisches Gewächshaus hatte der englische Architekt Joseph Paxton für die Londoner Weltausstellung gebaut, ein innovatives Ambiente für die aus der ganzen Welt zusammengetragenen Ausstellungsstücke. Erstmals kam die „global community“ zusammen, um ihre technischen und handwerklichen Errungenschaften zu präsentieren. Insbesondere die Engländer präsentierten stolz, was sie im Zuge der damaligen Industrialisierung erstmals in Massenfertigung produzieren konnten. Die Ergebnisse zeigte Birgitt Borkopp-Restle, zur Erheiterung ihrer Zuhörer: unbequeme Stühle mit Porzellanplatten in den Rückenlehnen, wuchtige Tische mit monströsem Unterbau oder Teppiche, auf denen man wegen der perspektivisch verwirrenden Muster die Orientierung verlor. „Industrie kann viel und billig, aber es sieht nicht gut aus!“, so das Urteil der Referentin, aber auch der zeitgenössischen Presse. Dagegen wurde die Handwerkskunst aus Frankreich oder dem Osmanischen Reich gefeiert.

Das traf die stolzen Engländer, weshalb sie begannen, bei der Konkurrenz Muster zu sammeln: Teppiche, Stoffe oder Geschirr, alles was durch besonderes Design auffiel. Die Sammlungen mussten irgendwo untergebracht werden, also baute man die ersten Museen und machte damit die Designs einem großen Publikum zugänglich. Neu entstandene Gewerbeschulen für Designer setzten dies Museumssammlungen als Schulungs- und Forschungsmaterial ein. Die Kirchen griffen diese Mustervorlagen als erste auf und adaptierten sie für prächtige Chorgewänder. Birgitt Borkopp-Restle zeigte in „Vorher-Nachher“-Bildern, wie sich die historischen Stoffe und Muster zu neuen Kreationen von Tapeten, Teppichen oder Kleidern wandelten.

Natürlich wollte man auf dem Kontinent den Anschluss nicht verpassen und in Wien, Berlin oder Lyon entstanden ebenfalls Museen mit umfangreichen Sammlungen, insbesondere im Textilbereich. Diese Stoffmuster waren die Spielwiese für kreative Designer, um neue Ornamente und Herstellungstechniken auszuprobieren. Als Inspiration dienen die historischen Sammlungen bis heute. Das zeigte Birigtt Borkopp-Restle am Beispiel eines belgischen Modedesigners: in seinen aktuellen Kollektionen hat er viele Motive, Muster und Ornamente aus dem 19. Jahrhundert verarbeitet.

Die Hochschule Reutlingen ist ebenfalls aus einer solchen Gewerbeschule, die im 19. Jahrhundert gegründet wurde, hervorgegangen. Auch ist sie Besitzerin einer solchen Textilsammlung, die Studierende und zukünftige Designer als Inspiration nutzen können. Birgitt Borkopp-Restle, die selbst an dieser Gewebesammlung der Hochschule forscht, ist gespannt, zu welchen neuen Ideen die Textilmuster inspirieren werden.