11.06.2018 | News, Technik, Pressemitteilung

Studierende entwickeln mobiles Trainingsgerät für Rollstuhlfahrer

Maschinenbau-Studierende der Hochschule Reutlingen entwickeln Bewegungstrainer zum Einbau in den Rollstuhl

Elf Teams haben ihre Projektergebnisse in Hochdorf vorgestellt. Foto: Hochschule Reutlingen

Von: Kerstin Kindermann

Im Rahmen des Studiengangs Maschinenbau an der Fakultät Technik der Hochschule Reutlingen bearbeiten Studierende in Projektteams patentierbare Neuerungen für reale Fragestellungen aus regionalen Unternehmen. Projektpartner ist in diesem Semester die medica Medizintechnik GmbH aus Hochdorf, die Professor Dr. Sven Steddin von der Fakultät Informatik für die Projektidee begeistern konnte. Das Ergebnis ist eine Innovation für die gerätegestützte Bewegungstherapie, bei dem das Trainingsgerät am Rollstuhl immer dabei ist. Für Menschen mit Behinderung und Bewegungseinschränkung könnte sich dadurch die medizinische Rehabilitation schon bald positiv verändern.

Im aktuellen Semester haben die Studierenden unter der Leitung der Professoren Dr.-Ing. Steffen Ritter und Dr.-Ing. Paul Wyndorps praxisnah an einer herausfordernden industriellen Projektarbeit an der Fakultät Technik gearbeitet. Die Aufgabe der Maschinenbau-Studierenden im sechsten Semester – die also im letzten Semester vor ihrer Bachelorarbeit stehen – war es, ein Trainingsgerät zu konzipieren und zu entwickeln, das als Nachrüstsatz oder direkt bei der Herstellung in marktübliche Rollstühle integriert werden kann. Projektpartner ist die medica Medizintechnik GmbH, die gerätegestützte Behandlungskonzepte für alle Phasen der neurologischen und geriatrischen Rehabilitation entwickelt, produziert und vertreibt.

Elf studentische Projektteams der Fakultät Technik haben am vergangenen Mittwoch ihre Ergebnisse beim Projektpartner in Hochdorf vorgestellt. Die Teams, bestehend aus jeweils drei oder vier Studierenden, haben bis zu 12 Wochen intensiv an der Entwicklung ihrer Projekte gearbeitet. Herausgekommen sind ganz unterschiedliche technische Lösungen des „Rollstuhltrainers“. Als Gewinner hat sich das Projektteam „Steukamo“ durchgesetzt: Die Studenten Lars Euchner, Patrick Kaupp, Maximilian Mohr und Marius Strohmaier konnten in ihr Produkt sogar noch eine Erweiterung integrieren. Weil die Anmeldung zum Patent aussteht, bleiben die technischen Details noch geheim.

 

Stimmen der Projektbeteiligten

Blick über den Tellerrand

„Die Hochschule Reutlingen bietet den Studierenden mit dieser Projektarbeit die Möglichkeit, das erlernte Wissen auch praktisch anwenden zu können“, erklärt Professor Sven Steddin. „Hier werden nicht nur Noten verteilt, sondern über ein ganzes Semester hinweg vom Projektpartner und von den Professoren offenes und konstruktives Feedback gegeben. Der interdisziplinäre Charakter des Konstruktionsprojekts bietet den Studierenden darüber hinaus die Möglichkeit, über die Grenzen des eigenen Studienschwerpunktes hinaus Erfahrungen zu sammeln, die im weiteren Berufsleben wichtig sein können.“

Professor Paul Wyndorps, der diese Form der Projektarbeit vor 15 Jahren entwickelt hat, ist von dem Konzept überzeugt: „Das ist es, was die Lehre an der Hochschule ausmacht. Über den Tellerrand blicken, gemeinsam an Zielen arbeiten und vor allem praktische und sinnvolle Innovationen entwickeln, die einen echten Nutzen haben.“ Dieses Lehrformat bereitet die Studierenden im Sinne einer zeitgemäßen Ingenieurausbildung auf ihren Berufsalltag vor.

„Die Erfolge zeigen uns die Wichtigkeit dieses speziellen Unterrichtsformats“, erklärt Professor Steffen Ritter. „In direkter Kooperation mit der Industrie werden reale Projekte in kleinen Gruppen bearbeitet und dem Projektpartner präsentiert. Studierende des Bachelor­studiengangs Maschinenbau erhalten die Möglichkeit, eine Vielzahl der bis dahin erarbeiteten Fähigkeiten anzuwenden. Den Schwerpunkt der Arbeit stellt die konstruktive Umsetzung einer Entwicklungsaufgabe dar. Die Studierenden bekommen eine reale Aufgabenstellung aus dem Arbeitsumfeld des Projektpartners und arbeiten dann in Dreier- oder Vierer-Teams. 10-12 Wochen nach Start ist die Aufgabe beendet und die Ergebnisse werden dem Projektpartner vorgestellt“, so Ritter.

Spannend, ein realistisches Produkt zu entwickeln

Studentin Janina Bauer begeistert an der Projektarbeit nicht nur das konstruktive und ehrliche Feedback der Professoren und des Projektpartners. „Das Spannende ist, dass es so viele Menschen gibt, die im Rollstuhl sitzen und die Zielgruppe, der wir helfen können, dadurch so groß ist. Trotz der mangelnden Erfahrung im Medizinbereich ist es sehr spannend, ein Produkt zu entwickeln, das in ein paar Jahren realistisch zum Einsatz kommen könnte. Man lernt dabei ganz neue Denkweisen und in der Gruppenarbeit mit vielen unterschiedlichen Charakteren zielorientiert zu arbeiten.“

Praktische Unterstützung erhielten die Studierenden von Nicolas Menschenmoser. Durch einen Unfall sitzt er seit 12 Jahren im Rollstuhl. „Ich konnte den Studierenden viele Hinweise geben, was es bedeutet, wenn man sich eingeschränkt oder gar nicht mehr bewegen kann. Vielen Menschen ist nicht klar, dass es nicht nur darum geht, seine Beine oder andere Körperteile nicht mehr frei bewegen zu können. Um körperlich und geistig aktiv zu bleiben und um einem Bewegungsmangel entgegenzuwirken, muss der Körper in Schwung gebracht werden“, so Menschenmoser. „Orts- und der Positionswechsel stellen für Rollstuhlfahrer Hürden dar und verringern die Möglichkeiten und oft auch die Motivation zu trainieren. Deshalb ist dieser am Rollstuhl integrierbare Bewegungstrainer echt eine Revolution“, freut sich Menschenmoser.

Beeindruckende Ergebnisse

Otto Höbel, technischer Geschäftsführer von medica, zeigt sich beeindruckt: „Es gab bereits zuvor Ansätze, Trainingsgeräte in Rollstühle zu integrieren. Diese schränkten aber den Nutzerkreis, die Antriebsart des Rollstuhls oder den Zeitpunkt der Nutzung sehr stark ein. Wir sind begeistert und beeindruckt von den Möglichkeiten, die uns die Projektteams sehr professionell präsentiert haben“, so Höbel. Auch Steddin als Ideengeber ist begeistert: „Es entstanden nicht nur Vorschläge zur Umsetzung des bereits von der Hochschule angemeldeten Patents, sondern darüber hinaus weitere Ideen zu Trainingssystemen, die noch zusätzliche therapeutische Maßnahmen ermöglichen und daher ebenfalls patentiert werden sollten.“ Dies ist ein Musterbeispiel, wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen zwei Fakultäten der Hochschule und der Wirtschaft Früchte tragen kann.