30.07.2018 | News, Angewandte Chemie, Forschung

Das Ziel: Tierversuche vermeiden

Doktorarbeit leistet Beitrag, den Einsatz von Tieren in der Forschung zu reduzieren

Verzicht auf tierisches Serum ist möglich – Fettzellen und Blutgefäße des künstlichen Fettgewebes ähneln dem menschlichen Fettgewebe. Bilder: Hochschule Reutlingen

Von: Maren Haldenwang

Tierversuche sind in der öffentlichen Diskussion seit Langem umstritten. Die Forschung arbeitet an neuen Möglichkeiten, das Leid von Tieren zu verringern. Eine aktuell vorgelegte Doktorarbeit an der Hochschule Reutlingen zeigt dazu konkrete Schritte auf.

Ann-Cathrin Volz hat sich mit ihrer Promotion dem Tierwohl verschrieben. Für ihre Dissertation, die sie im Juli 2018 an der Hochschule Reutlingen abgeschlossen hat, forschte sie daran, künstliches Gewebe im Labor aufbauen. Dadurch soll der Einsatz von Tierversuchen sowie die Verwendung tierischer Produkte stark reduziert oder im Idealfall komplett überflüssig werden.

Diesem Ziel ist Volz mit ihrer Forschungsarbeit einen Schritt nähergekommen. Im Labor hat sie Kulturbedingungen entwickelt, die den Aufbau von künstlichem Fettgewebe ohne die Verwendung von tierischem Serum erlauben. Das künstliche Fettgewebe wird als Modell zur Erforschung neuer Medikamente oder zur Aufklärung von Krankheiten genutzt. Eine weitere Anwendung: es kann nach starken Verbrennungen auch für Hauttransplantate zum Einsatz kommen.

Volz hat mit Ihrer Forschung das Ziel verfolgt, Fett- und Blutgefäßzellen gemeinsam zu kultivieren. Das ermöglicht ein Fettgewebemodell inklusive Blutgefäßsystem. Und hier liegt die Besonderheit: „Ich habe es geschafft, bei diesem Schritt auf tierisches Blutserum zu verzichten“, erklärt Ann-Cathrin Volz. Denn bislang wird standardmäßig tierisches Serum eingesetzt, da es zur Versorgung einer Vielzahl verschiedener Zellen dient. Doch der Verzicht auf tierisches Blutserum bringt mehrere Vorteile. Zunächst beinhaltet das Serum viele unbekannte Substanzen, die dadurch die Ergebnisse verfälschen können, z.B. durch Krankheitserreger, die möglicherweise übertragen werden. Doch das wichtigste Argument liegt im Tierschutz. Für die Gewinnung von tierischen Blutserum werden jährlich schätzungsweise
1-2 Millionen Rinderkälbchen oder -föten getötet. „Diese Prozedur ist unnötig und umstritten. Aus diesem Grund ist die Entwicklung von Alternativlösungen von größter Bedeutung“, betont Volz.

Prof. Dr. Petra Kluger hat die Promotion an der Fakultät Angewandte Chemie betreut: „Frau Volz leistet mit ihrer exzellenten Dissertation einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Ersatzmethoden zum Tierversuch sowie der Entwicklung von Zellkulturmedien ohne tierische Bestandteile“, so Kluger. „Für den Tierschutz bringt die Doktorarbeit einen großen Fortschritt.“ Der Aufbau dieser serumfreien und gemeinsamen Kultur von Fett- und Blutgefäßzellen in Kombination mit der Entwicklung eines Blutgefäßsystems ist neuartig und bisher nur ihrer Forschungsgruppe an der Hochschule Reutlingen gelungen.