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30.11.2020 | News , News

Wo war/ist die Kirche in der Corona-Krise?

Vortrag von Gabriele Arnold im Rahmen des Studium Generale

Gabriele Arnold referierte am 25. November zum Thema "Wo war/ist die Kirche in der Corona-Krise"? im Rahmen des Studium Generale der Reutlinger Hochschulen. Foto: privat

von: Bernd Müller

Die Frage „Wo war die Kirche in der Corona-Krise?“ stellen sich offenbar viele Menschen. Christine Lieberknecht, die frühere Ministerpräsidentin von Thüringen, hat darauf im Mai 2020 in einem Interview mit der WELT eine wenig schmeichelhafte Antwort gegeben: „Die Kirche hat Hunderttausende Menschen alleingelassen.“ Lieberknecht war bis 1990 selbst Gemeindepfarrerin, eine antikirchliche Haltung kann man ihr also nicht unterstellen. Ihre Bilanz mit Blick auf die Rückendeckung der Gemeindepfarrerinnen vor Ort durch die Kirchenleitungen klingt ernüchternd: „Da war nur Schweigen.“

Eine Einschätzung, die Gabriele Arnold so nicht teilt. Die Prälatin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Predigerin an der Stiftskirche in Stuttgart, hat als Insiderin eine andere Wahrnehmung. Wo früher häufig Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen oder katholischen Kirche in Talkshows eingeladen worden waren, saßen nun an ihrer Stelle Virologen und noch mehr Politiker als sonst. „Die mediale Präsenz war plötzlich weg.“ Auch die symbolträchtigen Bilder der Katholiken aus Rom fehlten. Wo sonst zu Ostern volksfestartige Zustände herrschen, spendete der Papst den Segen „Urbi et Orbi“ vor einem verregneten und leeren Petersplatz.

Baumärkte offen, Kirchen zu

Arnold schilderte detailliert die Wochen im März und April, als allen langsam klar wurde, dass die Lage dramatischer werden würde als zunächst gedacht. Gottesdienste stattfinden oder ausfallen lassen? Niemals werden wir Gottesdienste ausfallen lassen, lautete zunächst die trotzige Forderung. Doch wenige Tage vor dem Lockdown der Schulen erkannte der Krisenstab im Oberkirchenamt, dass sich diese Strategie nicht halten lässt. Keine Gottesdienste, hieß dann doch die Ansage, die heftige Reaktionen von verständnisvoller Zustimmung bis zu großer Enttäuschung in den Gemeinden hervorrief. So durften die Pfarrer und Seelsorgerinnen nicht in die Altenheime und Kliniken. Warum sind Baumärkte offen und Kirchen zu, fragten sich viele. Weil der Staat offenbar der Meinung ist, dass Baumärkte systemrelevant seien, Kirchen aber anscheinend nicht. Arnold lässt das nicht gelten: „Seelsorge muss sein!“ Kirche könne ruhig selbstbewusster sein, auch wenn der Staat sie dabei nicht unterstütze. Als Beweis dafür führte die Prälatin die Beobachtung an, dass Lehrerinnen ihre Schülerinnen und Schüler zuhause fleißig mit Arbeitsblättern für Englisch und Mathe versorgten, der Religionsunterricht beim Homeschooling aber komplett außen vor war.

Handgestrickte Videos vom Gottesdienst

Auch wenn viele es vielleicht nicht mitbekommen haben: Hinter den Kulissen war die evangelische Landeskirche kreativ, rührig und durchaus erfolgreich beim Schließen der Lücken in der Seelsorge und bei anderen Angeboten der Kirche. Die Diakonie arbeitete weiter, neue Ideen wie Vesperkirchen to go für Bedürftige, Gottesdienste im Freien, Einkaufshilfen für Ältere durch Konfirmanden wurden in kurzer Zeit organisiert – selbstverständlich unter Einhaltung aller Hygieneschutzmaßnahmen. Besonders aktiv war die Telefonseelsorge, dort stockte man die Schichten personell auf und schulte die ehrenamtlichen Seelsorger, um Menschen mit Angststörungen, etwa bei Atemnot, zu helfen. Unzählige digitale Formate wurden ausprobiert, Pfarrerinnen und Pfarrer filmten ihren Gottesdienst und verbreiteten ihn auf Youtube, oft in merklich handgestrickter Bild- und Tonqualität. Das aber war den Zuschauenden offenbar egal. „Die Gemeindeglieder wollen ihre Pfarrerin sehen und nicht den Landesbischof in einem perfekt inszenierten Online-Gottesdienst“, so Arnold. Trotz aller Bemühungen: Das Gefühl, sich persönlich begegnen zu können, fehlte vielen.

Besser vorbereitet für Weihnachten

Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown. Die Evangelische Landeskirche habe aus dem „Tasten und Irren“ im Frühjahr gelernt und sich gut auf die zweite Corona-Welle vorbereitet. Seit August bespricht eine Arbeitsgruppe „Weihnachten 2020“, wie Kirche zum Fest und am Jahreswechsel präsent sein kann. Schutzkleidung wurde angeschafft, so dass die Seelsorger und Pfarrerinnen in Altenheime und Kliniken gehen können. Außerdem arbeitete man an den digitalen Angeboten, die Pfarrer können diese nun leichter für ihre Zwecke adaptieren.

Die theologische Deutung von Corona wird dagegen noch lange dauern. Ist das Virus bloß Schicksal oder vielmehr eine Strafe Gottes? Viele hätten geglaubt, dass der Mensch die Zukunft gestalten könne, so Gabriele Arnold. „Jetzt haben wir gesehen, dass wir nicht alles in der Hand haben und fühlen Ohnmacht, Schuld und Versagen.“ Mit einem Zitat von Queen Elizabeth II aus ihrer Ansprache zur Nation verbreitete die Prälatin zum Schluss ihres Vortrags ein wenig Optimismus: „Better days will return.“

Video: Aufzeichnung des Vortrags

Der nächste Vortrag des Studium Generale „Führung in der (Corona-)Krise“ von Prof. Dr. Bernd Banke findet am 9. Dezember um 18:15 Uhr online statt.