ALT + + Schriftgröße anpassen
ALT + / Kontrast anpassen
ALT + M Hauptnavigation
ALT + W Fakultät wählen
ALT + K Home Menü
ALT + Ü Zweite Navigation
ALT + G Bildwechsel
ALT + S Übersicht
ALT + P Funktionsleiste
ALT + I Studieninteressierte
ALT + N Linke Navigation
ALT + C Inhalt
ALT + Q Quicklinks
ESC Alles zurücksetzen
X
A - keyboard accessible X
A
T
18.12.2020 | News , News

Die Corona-Pandemie aus Sicht von Theologie und Philosophie – und Albert Camus

Vortrag von Prof. Dr. Stephan von Twardowski und Prof. Christof Voigt im Rahmen des Studium Generale der Reutlinger Hochschulen

Der Mensch und die Corona-Pandemie: Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Antworten auf diese existenziellen Fragen suchten Prof. Dr. Stephan von Twardowski und Prof. Christof Voigt in ihrem Vortrag im Studium Generale am 16. Dezember 2020. Stephan von Twardowski, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen, nahm dabei die Perspektive des Theologen ein, Christof Voigt, Professor für Philosophie und biblische Sprachen an der gleichen Einrichtung, näherte sich dem Thema aus Sicht des Philosophen.

Die Corona-Krise ist derzeit allgegenwärtig, in den Medien, bei der Arbeit, zuhause in der Familie. Täglich äußern sich Politiker, Virologen und Ökonomen dazu. Und die Kirchen? Die waren schweigsam, findet Christof Voigt. An ihre Stelle sei ein religiöser Glaube an die Objektivität der Naturwissenschaften getreten, wie der Bonner Philosophieprofessor Markus Gabriel kritisiert. Gabriel spricht im Zusammenhang mit dem Corona-Virus gar von einer metaphysischen Pandemie.

Wissenschaft reiche nicht aus, um diese Krise zu bewältigen, das würden sogar Virologen sagen, betonte Stephan von Twardowski, der Gemeinsamkeiten in den Fragen in der Philosophie und der Theologie erkannt hat. Theologen müssten sich fragen, ob sie beobachtend am Spielfeldrand stehen oder sich aktiv in den Diskurs einbringen wollten. Fest stehe: „Das Virus hat Macht über uns.“ Und ein Gefühl der Ohnmacht mache Angst. Die Theologie müsse sich daher einbringen und Teil des Reflektionsprozesses werden. „Auf keinen Fall aber sollte sich die Kirche auf eine Debatte über ihre Systemrelevanz einlassen“, fordert von Twardowski.

Für den Schriftsteller Albert Camus, einem der Vordenker des Existenzialismus, existierte kein Gott. Dennoch spielt Gott in seinem berühmten Roman „Die Pest“ eine Rolle, etwa in den Predigten des Jesuitenpaters Paneloux, der in der Seuche eine Strafe Gottes sieht. Christof Voigt zieht erstaunliche Parallelen zwischen Camus´ Roman und den aktuellen Vorgängen in der Corona-Pandemie. Der Roman beschreibt die Ausbreitung der Seuche in Oran an der algerischen Küste, die Suche nach einem Impfstoff, die Kritik an der Presse, den Widerstand von Leugnern – als hätte Camus ins Jahr 2020 blicken können. Vordergründig geht es zwar um die Ausbreitung einer tödlichen Krankheit, tatsächlich ist sie für den Autor aber eine Allegorie: Pest steht für das Absurde der Realität, für das Leben an sich. Der Mensch, so Camus, befinde sich in einer ständigen Revolte gegen die Sinnlosigkeit der Welt. Doch es gebe Auswege: Solidarität, Freundschaft, Liebe, die jedoch die Absurdität nie ganz aufheben können.

Für Christoph Voigt schließt sich hier der Kreis. Die Seuche – bei Camus die Pest, heute das Corona-Virus – hat mit Gott zu tun, weil Gott in Beziehung zu den Menschen stehe. Voigt betont, dass die Theologie eine Erfahrungswissenschaft sei, die die Wirklichkeit verändere. Wie auch das Virus auf das Handeln der Menschen reagiert. Ein harter Lockdown drängt das Virus zurück, ein Impfstoff könnte die Ausbreitung der Krankheit sogar stoppen und Leben retten. Anders bei einem Erdbeben. Es trifft die Menschen weitgehend unvorbereitet, sie können sich kaum schützen.

Das führt den Philosophen – wie auch Politiker und Virologen – zu der Frage: Wie sollen wir uns verhalten? Voigt bezieht sich hier auf die „Struktur des verantwortlichen Denkens“ des Theologen Dietrich Bonhoeffer mit seinen Polen Freiheit und Bindung. Voigt berichtet von schwierigen, aber auch sinnvollen Gesprächen mit Corona-Skeptikern. Dialog sei wichtig, dennoch müssten auch die Skeptiker die Tatsachen anerkennen.

Für die beiden Referenten steht das Prinzip der Unverfügbarkeit des eigenen Lebens außer Frage. Nur Gott entscheide über Leben und Tod. „Wir müssen uns der eigenen Sterblichkeit wieder mehr bewusstwerden“, fordert Stephan von Twardowski, „und unsere Fantasie von der Unsterblichkeit aufgeben.“

Video: Aufzeichnung des Vortrags