ALT + + Schriftgröße anpassen
ALT + / Kontrast anpassen
ALT + M Hauptnavigation
ALT + W Fakultät wählen
ALT + K Home Menü
ALT + Ü Zweite Navigation
ALT + G Bildwechsel
ALT + S Übersicht
ALT + P Funktionsleiste
ALT + I Studieninteressierte
ALT + N Linke Navigation
ALT + C Inhalt
ALT + Q Quicklinks
ESC Alles zurücksetzen
X
A - keyboard accessible X
A
T
09.11.2020 | News

Das Corona-Wörterbuch - Über die Macht der Sprache in politischen Debatten

Vortrag von Dr. Eric Wallis im Rahmen des Studium Generale

Foto: Johannes Buldmann, RAA: Die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA)

Das Studium Generale der Reutlinger Hochschulen dreht sich in diesem Semester rund um das Thema Corona. Erstmals finden die Vorträge als Livestream und Videokonferenz statt. Am 4. November startete die Reihe mit dem Vortrag „Das Corona-Wörterbuch“. Darin zeigte Dr. Eric Wallis anhand von aktuellen Debatten, wie sich die Macht der Sprache in der Politik entfaltet. Er beleuchtete, welche Wirkung Sprache hat und was „Framing“ bedeutet. Bereits seit vielen Jahren beschäftigt sich der Sprachwissenschaftler mit den Auswirkungen von Sprache und deren Macht in politischen Debatten. Auch in der Corona-Debatte sind Schlagworte entstanden, die deutlich machen, welche gesellschaftlichen Folgen Sprache haben kann.

Die Wirkung der Sprache

Welche Wirkung Worte haben, ließe sich an ganz einfachen Beispielen erkennen. So bezeichnen sich etwa Staaten als „Demokratische Volksrepublik“ anstatt als „Diktatkur“ und beschönigen damit. „Das Wort trägt dazu bei, wie wir eine Sache sehen“, so Wallis.

Grundsätzlich sei die Sprache ein Kategorie-System, ein Werkzeug zum Unterscheiden und: Sprache wandle sich. „Wörter helfen uns, die Welt zu erfassen“, erläuterte Wallis. Dank der Sprache seien Menschen in der Lage, ein Flugzeug zu bauen – weil der Mensch mithilfe der Sprache so gut kategorisieren könne. Sie sei ein wichtiges Instrument und erlaube es uns, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Dennoch sei die Sprache nicht so präzise, wie man glaubt, und lasse viel Spielraum für Interpretationen: Man schließe die Augen und stelle sich eine Tasse Kaffee vor – wenn Eric Wallis im Anschluss fragt, wie sich das Publikum die Tasse Kaffee vorgestellt hat, erhält er sehr unterschiedliche Antworten vom Espresso bis zum Milchkaffee. Jeder hat sein eigenes Bild im Kopf und versteht etwas anderes darunter, obwohl von demselben Gegenstand die Rede war. An der Stelle setze sprachliche Manipulation an.

Das „Framing“ sei ein geschicktes Ein- und Ausblenden von Informationen, habe viel Macht und wirke wie eine Denkrutsche. Die berühmte Frage des halbleeren oder halbvollen Glases sei ein gutes Beispiel. „Frames“ begleiten uns permanent, sind allgegenwärtig. Auch in politischen Debatten werden solche Frames genutzt. So sei im Rahmen der Corona-Debatte die Rede vom „Kontrollverlust“  bezüglich eines exponentiellen Wachstums der Fallzahlen. Derselbe Frame „Kontrollverlust“ wurde auch in der Flüchtlingsdebatte gebraucht, war in diesem Kontext aber aus Wallis‘ Sicht nicht angemessen. 

Das „Corona-Wörterbuch“

Wallis griff Worte auf, die in der Corona-Krise in der Politik entstanden sind, und hinterfragte sie: So maß US-Präsident Trump mit der Bezeichnung als „foreign virus“ oder „China virus“ dem Corona-Virus eine andere Bedeutung bei, die Ressentiments auslöste, aber nichts zur Lösung des Problems beitrug. Auch der Begriff „Social Distancing“ löste Vorstellungen aus und führte dazu, dass sich die Menschen nicht nur physisch, d.h. räumlich, sondern auch sozial zu distanzieren begannen. „Kontaktverbot“ verursachte sogar Ängste – die Politik hätte stattdessen den Begriff „Abstandsgebot“ nutzen können. „Verschwörungstheoretiker“ seien überhaupt keine Theoretiker oder Wissenschaftler, sondern vielmehr „Verschwörungsideologen“. Auch „Maskenpflicht“ sei sehr negativ – warum nicht stattdessen „Schutzmaskengebot“?

Besonders kritisch sah Wallis Karl Lauterbachs Aussage über „Gefährder“ – jemanden so zu bezeichnen, weil er keine Maske aufsetzt, sei übertrieben. „Verantwortungslose“ wäre ein passenderer Ausdruck gewesen. Das Beispiel zeige, dass Vorsicht geboten sei: „Wir müssen aufpassen, dass sich die Gesellschaft nicht zu sehr spaltet im Rahmen dieser Debatten“, so Wallis.

Auch der Appell der Politik an die „Eigenverantwortung“, die es als Wort gar nicht gebe, oder die Rede der AfD von der „Corona-Diktatur“ seien verfehlte Beispiele aus dem „Corona-Wörterbuch“.

Wallis regte daher alle an, zu hinterfragen, ob Framings in politischen Debatten angemessen seien und wie viel Wahrheit hinter den Begriffen stecke. In den politischen Debatten gehe es um das Ein- und Ausblenden bestimmter Aspekte eines Themas durch die Verwendung bestimmter Begriffe. Das zeigten die genannten Beispiele. Dahinter stünden Machtinteressen. Man sollte daher auch immer hinterfragen, welches Interesse die Personen mit ihren Frames verfolgten.

Video: Aufzeichnung des Vortrags

Der nächste Vortrag des Studium Generale: „Schulterschluss einer neuen politischen Rechten in Zeiten von Corona?“ von Hans Probst findet am 18. November, 18:15 Uhr, online statt.